Wandern in Ahrenshoop und im Ahrenshooper Holz


Sonnenuntergang am Strand von Ahrenshoop im Februar.
Sonnenuntergang am Strand von Ahrenshoop im Februar.

Ahrenshoop ist neben Prerow der bekannteste Ort auf der Halbinsel Fischland, Darß, Zingst. Touristenmagnet. Künstlerdorf. Das sind die beiden Begriffe, die im Zusammenhang mit diesem Ort am häufigsten fallen. Wobei die Bezeichnung "KünstlerDORF" reichlich irreführend ist, denn dörflich ist da - bis auf einzelne, abgelegene Höfe, nichts mehr, finde ich. Hinsichtlich der in Ahrenshoop wohnenden, arbeitenden und sich auf verschiedenste Art und Weise präsentierenden Künstler könnte die Bezeichnung "KÜNSTLERdorf" jedoch nicht treffender sein. In Ahrenshoop dreht sich nämlich alles um Kunst in jeglicher Form: Von Malerei übers Töpfern bis hin zu Skulpturen aus Holz oder Bronze, selbst geschneiderte Kleidung und was man sonst noch so unter dem Begriff "Kunst" verbuchen kann. Es gibt ein Ahrenshooper Jazzfest, Ahrenshooper Literaturtage und Ahrenshooper Filmfestspiele ... Und es geht ums Sehen und Gesehenwerden. Aber jut. Jeder, wie er es mag.

Ein kalter Januartag am Ahrenshooper Ostseestrand.
Ein kalter Januartag am Ahrenshooper Ostseestrand.

Für mich käme Ahrenshoop als Ferienwohnsitz jedenfalls nicht in Frage. Zu viele Menschen. Zu vornehm. Zu teuer. Aber auch wenn man es nicht so mit der Kunst und dem Flanieren hat, ist Ahrenshoop allemal einen Besuch wert. Es beeindruckt mit prachtvollen Häusern und Grundstücken, auf denen mächtige Bäume in den Ostseehimmel wachsen. An jeder Gartentür, an jedem Haus, in jedem Garten kann man kleine Details wie Figuren oder bepflanzte Gefäße entdecken und unter den vielen Geschäften findet sich so manches Kleinod mit wunderschönen Dingen oder interessanten Büchern. Und im Hinblick auf die Naturausstattung hat Ahrenshoop etwas Außergewöhnliches zu bieten: Eine Steilküste, die bis nach Wustrow reicht. Es handelt sich dabei um das ungefähr 16 Meter "Hohe Ufer", das auf der gesamten Halbinsel seinesgleichen sucht und sich mit dem Titel "Geschütztes Geotop" schmücken darf. Es handelt sich um ein ausgesprochen imposantes Stück Ostseeküste, an dem die geologische Geschichte offenliegt und von vergangenen Erdzeitaltern erzählt. Freunde von Gesteinen und Fossilien können am Strand unterhalb der Steilküste durchaus auf ihre Kosten kommen. Achten Sie dabei unbedingt auf die Schilder und Absperrungen, denn das Kliff ist höchst instabil und abbruchgefährdet. Kein Fossil, kein Stein ist es wert, sein Leben zu riskieren. Das Hohe Ufer stellt zusammen mit Teilen des Altdarßes die geologisch älteste Fläche auf der Halbinsel dar (um die 17.000 Jahre). Es ist Bruthabitat für die kleinste Schwalbe Europas, die Uferschwalbe (Riparia riparia), die ihre Brutröhren in das Steilufer gräbt. Ungefähr von Mai bis August lassen sich die nur 13 cm großen Vögel bei ihrem geschäftigen Treiben beobachten. Oberhalb der Ahrenshooper Steilküste wiederum führt ein Weg entlang, der herrliche Ausblicke auf das Meer bietet - farbenprächtige Sonnenuntergänge inbegriffen. Das Ostseebad Ahrenshoop liegt übrigens bereits auf dem Darß und nicht mehr auf dem Fischland, wie viele annehmen. Lediglich die Ortsteile Niehagen und Althagen gehören zum Fischland. Und: Ahrenshoop ist unheimlich alt. Als Arneshop wird die Ortschaft bereits 1311 erstmals urkundlich erwähnt. Dass Menschen dieses Gebiet am Ahrenshooper Kliff nicht erst um 1311 für sich entdeckt haben, bezeugen ur- und frühgeschichtliche Funde um das Steilufer herum.

Eine botanische Kostbarkeit am Strand von Ahrenshoop: Stranddistel (Eryngium maritimum).
Eine botanische Kostbarkeit am Strand von Ahrenshoop: Stranddistel (Eryngium maritimum).

Der Ahrenshooper Strand ist feinsandig und lang, geht hinter Ahrenshoop in den berühmten Weststrand über und ist extrem beliebt. Charakteristisch sind die vielen Buhnenreihen in der Ostsee, welche die Kraft der Wellen brechen und die Sandabtragung Richtung Darßer Ort vermindern sollen. Erstaunlich, dass ich ausgerechnet an diesem, ständig von Menschen belagerten Strand über eine der seltensten Pflanzen Deutschlands gestolpert bin: die Stranddistel (Eryngium maritimum). Sie ist ein auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Pflanzen als "stark gefährdet" eingestuftes Wesen, welches man heutzutage kaum noch zu sehen bekommt. Sie teilt sich den extremen Lebensraum Weißdüne unter anderem mit dem Europäischen Meersenf (Cakile maritima) und dem allseits bekannten Strandhafer (Ammophila). Vielfältiger als die Flora am Strand ist jene, die auf den Flächen und im Schilfsaum auf der Boddenseite Ahrenshoops gedeiht. Im Sommer fällt hier insbesondere die Küsten-Engelwurz (Angelica litoralis Fr.) auf,  eine seltene salzverträgliche Unterart der Echten Engelwurz (Angelica archangelica), die im Schilf an manchen Stellen in großen Beständen wächst. Es handelt sich um eine stattliche, bis zu 1,50 m große Staude mit großen, grünlich-weißen Doldenblüten, die schwerlich übersehen werden kann. Ebenfalls im Sommer blühen auf den Wiesenflächen am Bodden unzählige Gemeine Grasnelken (Armeria maritima) und zaubern leuchtende Blütenteppiche in das Grün. Die Gemeine Grasnelke teilt die vom leicht salzhaltigen Boddenwasser hin und wieder überfluteten Wiesen mit anderen salzverträglichen Spezialisten der Pflanzenwelt, zum Beispiel Salz-Hornklee (Lotus tenuis) und Strand-Dreizack (Triglochin maritima). Aber auch Allerweltspflanzen wie die Gewöhnliche Schafgarbe können uns begegnen. Sie ist mit einer kräftig rosa blühenden Unterart (Achillea millefolium subsp. millefolium) vertreten. Ebenso die Wilde Malve (Malva sylvestris) mit lilafarbenen Blüten, die weithin sichtbar strahlen. Der boddenseitige Wanderweg führt linkerhand bis nach Wieck auf dem Darß und rechter Hand bis nach Wustrow. Gesagt sei, dass der Boddenweg in der Saison überaus stark von Fahrradfahrern frequentiert wird und man als Fußgänger oder Rollstuhlfahrer stets aufmerksam sein muss.

Pflanzen an der Ahrenshooper Boddenküste


Das Naturschutzgebiet "Ahrenshooper Holz" - ein Waldjuwel


Die größte Kostbarkeit in Ahrenshoop ist meiner Meinung nach weder die Kunst noch der Strand. Es ist das Naturschutzgebiet "Ahrenshooper Holz". Obwohl mitten im Ort gelegen, ist es nicht einfach zu finden, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Man muss schon wissen, an welcher Stelle man nach dem Zugang Ausschau halten muss, falls man gerade keine Wanderkarte zur Hand hat. Der Eingang befindet sich auf der rechten Seite der durch Ahrenshoop führenden L 21  ("Dorfstraße" Richtung Born) zwischen den Hausnummern 52 und 55 (Reha-Klinik). Dort, wo der Weg in das Naturschutzgebiet hineinführt, steht ein großes Schild, welches auf das Naturschutzgebiet hinweist und das Gelände beschreibt. 

Schild am Eingang zum Ahrenshooper Holz.
Schild am Eingang zum Ahrenshooper Holz.

Wie man auf dem Foto mit dem Kartenausschnitt von eben diesem Schild erkennen kann, führt der Wanderweg (gelb) nicht durch das Ahrenshooper Holz hindurch. Es ist also nicht so, dass Sie am anderen Ende des Waldes boddenseitig herauskommen oder einen Rundwanderweg vorfinden werden. Der Weg endet an einem Schlagbaum mitten im Wald. Bereits davor wird es ziemlich morastig und nass. Und dahinter herrscht undurchdringliche Wildnis. Respektieren Sie die Beschränkung im Interesse der Natur und kehren Sie um. Radfahren ist übrigens verboten und für Menschen mit Kinderwagen ist der Weg leider nur teilweise geeignet. Bei einem Besuch des Ahrenshooper Holzes handelt es sich eher um einen Spaziergangs als um eine Wanderung. Sie benötigen demzufolge kein großes Zeitfenster, um einen einmaligen, ursprünglichen Wald und das einzige Naturschutzgebiet außerhalb des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft kennenzulernen. Vor Ihnen liegt ein natürlich zusammengesetzter Wald, wie er in früheren Zeiten für die Küstenregion typisch gewesen ist. Bereits 1696 ist dieser Wald in einer schwedischen Matrikelkarte zu finden, und zwar in annähernd gleicher Größe wie heute. Obwohl das Ahrenshooper Holz bereits 1958 als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde, unterlag es vielfacher Schädigung durch Forstwirtschaft und Entwässerung. Seit 1972 ist es ein Totalreservat und bleibt von jeglichen Eingriffen durch den Menschen verschont. Bis zu 300 Jahre alte Rotbuchen (Fagus sylvatica) und Stieleichen (Quercus robur) wachsen in diesem Wald auf einem bis zu 1 Meter mächtigen Torfkörper, der wie der teilweise morastige Untergrund auf ein ehemaliges Moor hinweist. Das Besondere in diesem Waldjuwel ist das beachtliche Vorkommen der Europäischen Stechpalme (Ilex aquifolium), deren Zweige mit den roten Beeren vielen Menschen als Weihnachtsdekoration vertraut sind.

Rotbuchen und Europäische Stechpalmen im Ahrenshooper Holz.
Rotbuchen und Europäische Stechpalmen im Ahrenshooper Holz.

Im Ahrenshooper Holz räumt niemand auf. Alles ist dem Lauf der Natur überlassen. Abgestorbene Bäume bleiben stehen oder liegen, wenn sie umgestürzt sind. Heruntergefallene Äste übersäen den Boden abseits des schmalen Pfades, den man beschreiten darf. Totholz ist im Ahrenshooper Holz allgegenwärtig. Und wo es Totholz gibt, tobt das Leben. Denn Totholz IST Leben. Bei feuchter Witterung erscheinen unzählige Pilzarten und zaubern Farbtuper in den Wald. Außerdem haben seltene Vögel wie die Hohltaube (Columba oenas) und der Waldkauz (Strix aluco) hier ihr Zuhause ebenso wie Spechte (Picidae) und verschiedene Fledermausarten (Microchiroptera) - allesamt sind sie auf Baumhöhlen angewiesen, die sie nur in derartig unaufgeräumten Wäldern finden. Am Boden fallen einem je nach Jahreszeit Adlerfarn (Pteridium aquilinum), Europäischer Siebenstern (Trientalis europaea), Große Sternmiere (Stellaria holostea) und Vielblütige Weißwurz (Polygonatum multiflorum) ins Auge, während die Ranken des Wald-Geißblattes (Lonicera periclymenum) Sträucher und kleinere Bäume in Skulpturen verwandeln - passend zu Ahrenshoop, dem Dorf, das keines mehr ist und in dem Kunst die Hauptrolle spielt. Das Wald-Geißblatt ist übrigens eine richtige Liane wie wir sie aus tropischen Regelnwäldern kennen - nur eben ein paar Nummern kleiner. Dennoch kann sie unter günstigen Bedingungen bis zu 25 m hoch an Bäumen hinaufklettern und diese mit ihren vielen Ranken regelrecht umgarnen. Die wunderschönen, etwas filigran wirkenden Blüten sind cremeweiß bis gelblich. Ihr süßlicher Duft zieht Schmetterlinge und andere Insekten unwiderstehlich an. Also. Wenn Sie in Ahrenshoop weilen, sollten Sie es nicht versäumen, diesem kleinen Naturschutzgebiet einen Besuch abzustatten. Ich wünsche Ihnen wunderbare Eindrücke und Erlebnisse. Zum Schluss gibt es noch ein paar fotografische Eindrücke aus dem Ahrenshooper Holz, dem kleinen Waldjuwel sowie die obligatorischen Tipps am Ende Seite.

Impressionen aus dem Naturschutzgebiet Ahrenshooper Holz


Meine Tipps


Blüte des Wald-Geißblattes (Lonicera periclymenum).
Blüte des Wald-Geißblattes (Lonicera periclymenum).
  • Empfohlene Wanderkarte: Rad- und Wanderkarte "Fischland, Darss, Zingst" vom Verlag "grünes herz", Maßstab 1 : 30.000.
  • Ohne Wanderkarte einfach die Ausschilderungen im Ort beachten oder meine Beschreibung im Text nutzen.
  • Der Weg im Ahrenshooper Holz ist für Kinderwagen und Rollstuhlfahrer eher nicht geeignet.
  • Kostenlose Parkplätze sind in Ahrenshoop absolute Mangelware und selbst auf den kostenpflichtigen Parkplätzen ist es fast immer voll. Es empfiehlt sich daher die Anfahrt mit dem Bus.
  • Proviant und Getränke müssen nicht mitgeführt werden. In Ahrenshoop wimmelt es von Restaurants und Imbissen in allen Preisklassen, aber überall ist es ein wenig teurer als in den anderen Ortschaften. Wer Geld sparen möchte, kann es sich auf dem Hochufer oder an einem anderen schönen Platz gemütlich machen und seine mitgebrachten Leckereien verspeisen.
  • Hunde sind zwingend an der Leine zu führen (Naturschutzgebiet!).
  • Sollten Sie feststellen, dass meine Informationen nicht oder nicht mehr der Realität entsprechen, lassen Sie es mich bitte wissen. Sie können einen Eintrag im Gästebuch hinterlassen oder mir eine E-Mail schreiben: Kontakt und Gästebuch.