Säugetiere am Darßer Ort


Rotfuchs (Vulpes vulpes) am Darßer Ort.
Rotfuchs (Vulpes vulpes) am Darßer Ort.

Okay. Es geht um die Säugetiere, die am Darßer Ort leben. Und wahrscheinlich werden sich jetzt viele fragen, warum ich als erstes ein Bild von einem Rotfuchs (Vulpes vulpes) zeige, wo doch der Rothirsch (Cervus elaphus) DAS Säugetier in diesem Gebiet ist. Imposant. Laut. Wunderschön. Und weltberühmt. Einem Rotfuchs kann man schließlich überall begegnen. Also. Es ist so. Ja, es stimmt, die Hirschbrunft am Darßer Ort ist weltberühmt, weil sie am Tag stattfindet und nicht nachts versteckt im Wald. Das Rotwild tagsüber in der grandiosen Kulisse dieser Landschaft, in den Dünen mit der Ostsee im Hintergrund sehen, hören und riechen zu können, ist einmalig in Europa und ein unbeschreiblich faszinierendes Schauspiel. Das, was ansonsten aus Angst vor den Menschen im Verborgenen stattfindet, ist am Darßer Ort für jeden erleb- und sichtbar.

Rotwild (Cervus elaphus) am Libbertsee.
Rotwild (Cervus elaphus) am Libbertsee.

Der Darßer Ort ist Nationalpark-Kernzone, in der nicht gejagt werden darf. Und bevor das Rotwild massiv vom Menschen bejagt wurde, war es ein Tagtier und bewohnte steppenartige Freiflächen. Erst durch die Bejagung wurde das Rotwild zum dämmerungs- bzw. nachtaktiven Waldbewohner, der ein ziemlich verstecktes Leben führt. Ein Rothirsch kann es übrigens auf 1,20 Meter Schulterhöhe und 180 Kilogramm Gewicht bringen. Bei guten Lebensbedingungen kann er um die 20 Jahre alt werden. Am Darßer Ort hat das Rotwild gelernt, dass ihm keine Gefahr von Jägern droht und ist zu seinem ursprünglichen Verhalten als tagaktives Tier zurückgekehrt. Das ist der Grund dafür, dass wir dieses großartige Schauspiel der Hirschbrunft - das Röhren und Kämpfen der Hirsche, das Vorsichhertreiben der Hirschkühe - mitansehen können. In allen Prospekten, Büchern oder Dokumentationen über die Halbinsel Fischland, Darß, Zingst wird vor allem mit zwei Naturereignissen geworben: dem Kranichzug und eben der Hirschbrunft. Jeder, der auf dem Darß aus irgendwelchen Gründen Geld verdienen muss oder will - Pensionen, Hotels, Ferienwohnungs- und Ferienhausvermieter, Fotoschulen, Veranstalter von Naturführungen und und und, wirbt mit dem Kranichzug und der Hirschbrunft. Ganz so, als hätte der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft nichts anderes zu bieten. Und das zieht von Jahr zu Jahr immer mehr Menschen in den Nationalpark, und zwar nicht nur aus Deutschland, sondern aus ganz Europa, ja der ganzen Welt. Alle wollen den Kranichzug und/oder die Hirschbrunft erleben. Und alle lassen in vielfältigster Form die Kassen klingeln: für Übernachtungen, in Restaurants, in Geschäften, in Fotoschulen ebenso wie auf geführten Wanderungen, die nicht vom Nationalpark veranstaltet werden usw. usf. Dafür wird in Kauf genommen, dass sich viel zu viele Menschen am Rundwanderweg zu allen Tages- und Nachtzeiten aufhalten und das Gebiet in verschiedenster Form geschädigt wird. Hauptsache, die Leute kommen und geben anständig Geld aus.

Rothirsch (Cervus elaphus) in den Dünen am Darßer Ort.
Rothirsch (Cervus elaphus) in den Dünen am Darßer Ort.

Ich war einmal während der Hirschbrunft auf dem Darß - ein Erlebnis, das für mich genauso faszinierend war wie für viele andere Menschen. Ja, es ist toll, die kraftvollen Tiere derart nah beobachten zu können. Es herrscht eine unbeschreibliche Atmosphäre, wenn die Luft vom Röhren der Hirsche erfüllt ist. Ja, das ist etwas ganz Besonderes. Aber ich wurde auch sehr nachdenklich. Besonders am Nachmittag wurde der Rundwanderweg von Menschen regelrecht geflutet. Derart viele Menschen können nicht leise sein, dementsprechend gestaltete sich die Geräuschkulisse. Manche rückten mit Bollerwagen an - gefüllt mit Fotoausrüstung und/oder Bier und machten aus einem Naturerlebnis eine Party. Andere hatten ihre Hunde dabei, von denen nicht wenige völlig gestresst auf die Menschenmassen reagierten und unablässig bellten oder jaulten. Ganz zu schweigen von den abgeleinten Exemplaren. Am Morgen danach verzierte jede Menge Müll die Landschaft, abseits der Wege hatten sich erste Trampelpfade und "Fotografeninseln" gebildet - erkennbar an der plattgetretenen Vegetation. Der halbe Meter, den man noch näher herankommt, wenn man den Weg verlässt, ist natürlich absolut entscheidend für das Foto ... Ganz abgesehen von den diversen Freilufttoiletten, die man unschwer an den liegengelassenen Taschentüchern erkennen konnte. Einzelne Fotofreaks berichteten mir stolz, dass sie sich am Abend zuvor vor den Rangern im Schilf versteckt und am Rundwanderweg übernachtet hatten, um beim Sonnenaufgang die Rothirsche zu fotografieren. Im Gelände versteht sich, nicht etwa von den Plattformen oder vom Weg aus. Wohlwissend, dass das verboten ist. Das, was sich am Rundwanderweg während der Hirschbrunft abspielte, empfand ich als schrecklich und ich wundere mich noch heute darüber, dass die Tiere am Darßer Ort das aushalten und nicht für immer das Weite suchen. Dabei mache ich jenen Menschen, die die Hirschbrunft erleben wollen und sich an Nationalpark-Regeln halten, keinerlei Vorwurf, das sei ausdrücklich gesagt.

Wildschwein-Kessel neben dem Rundwanderweg am Darßer Ort.
Wildschwein-Kessel neben dem Rundwanderweg am Darßer Ort.

Ich sehe allerdings die Nationalparkverwaltung und das Land Mecklenburg-Vorpommern gleichermaßen in der Pflicht, sich den gesetzlich festgeschriebenen Zweck eines Nationalparks zu vergegenwärtigen, der nicht darin besteht, die Kassen klingeln zu lassen, sondern im Erhalt und Schutz der Natur. Es wird höchste Zeit für mehr Rangerpersonal, eine konsequente Ahndung von Regelverstößen und eine Besucherreglementierung während der Hirschbrunft, so wie sie in manchen Gebieten der Halbinsel beim Kranichzug bereits stattfindet, um die Tiere und ihren Lebensraum zu schützen. Das würde nicht nur dem Rotwild am Darßer Ort zugute kommen, sondern dem ganzen Gebiet mit all seinen tierischen und pflanzlichen Bewohnern. Ich würde außerdem ein Werbekonzept begrüßen, dass nicht nur die Highlights Kranichzug und Hirschbrunft in den Fokus der Öffentlichkeit führt. Der Darßer Ort, die Halbinsel Fischland, Darß, Zingst hat mehr zu bieten als Kranichzug und Hirschbrunft. Viel mehr. Übrigens können Sie Rotwild das ganze Jahr über am Darßer Ort beobachten. Zwar handelt es sich außerhalb der Brunftzeit nicht um Hirsche mit mächtigen Geweihen, denn die werden nach Brunftzeit abgestoßen und müssen dann neu wachsen. Aber Hirschkühe mit und ohne Nachwuchs, einzeln oder in Gruppen zeigen sich genauso wie geweihlose Hirschgruppen relativ gut. Ebenfalls wenig scheu sind die ortsansässigen Wildschweine (Sus scrofa). Sie haben sich an die Anwesenheit der Menschen gewöhnt und treiben sich nicht selten sogar auf den Wegen herum. Das gilt auch für die Bachen, wenn sie Jungtiere führen. In diesem Fall sollten Sie unbedingt auf Abstand bedacht sein und warten, bis sich die Tiere ins Unterholz oder ins Schilf verzogen haben. Was ziemlich lange dauern kann, denn die Tiere haben es nicht eilig. Neu für mich war, dass Wildschweine richtige Nester bauen, die "Kessel" genannt werden. Wildschwein-Kessel sind Plätze, die von den Wildschweinen immer wieder aufgesucht werden, um sich auszuruhen.

Pfotenabdruck eines Fischotters (Lutra lutra) am Darßer Ort.
Pfotenabdruck eines Fischotters (Lutra lutra) am Darßer Ort.

Während Rotfuchs, Wildschwein und Rotwild regelmäßig zu entdecken sind, führt der Fischotter (Lutra lutra) ein heimliches Leben. Dass der Darßer Ort mit seinen Wasserläufen, Schilfgebieten und der angrenzenden Ostsee ein passender Lebensraum für den possierlich wirkenden Marder ist, davon künden seine Spuren: Kot, Fischotterwechsel, Fußspuren. Während der Paarungszeit sind außerdem die schrillen, quietschenden Laute der Tiere aus den Schilfgebieten zu vernehmen. Ich hatte bisher nur einmal das Glück, einen Fischotter beobachten zu dürfen, und zwar im Nothafen, wo das Tier auf dem Rücken schwimmend einen Fisch verspeiste. Leider war er für ein Foto zu weit weg. Aber egal, ich habe mich unheimlich darüber gefreut, überhaupt mal einen Fischotter in der Natur sehen zu dürfen. Neben den vorgenannten Tieren haben Baummarder (Martes martes), Feldhasen (Lepus europaeus), Eichhörnchen (Sciurus vulgaris), verschiedene Mäusearten (Mus), Rehwild (Capreolus capreolus) und Fledermäuse (Microchiroptera) am Rundwanderweg ihr Zuhause. Mit ganz viel Glück können Sie außerdem am Weststrand einen außergewöhnlichen Vertreter der Säugetiere bestaunen: eine Kegelrobbe (Halichoerus grypus). In diesem Fall heißt es, Abstand halten und ruhig sein, in großem Bogen um das Tier herum gehen, und zwar so, dass ihm der Fluchtweg ins Wasser nicht versperrt wird. Freuen Sie sich darüber, dass Sie einem der seltensten Tiere am Darßer Ort begegnet sind. Ausführliche Informationen darüber, wie Sie sich bei einer Robbenbegegnung verhalten sollten, finden Sie unter "Hilfreiche Links" am Ende der Seite. Unter eben diesen hilfreichen Links erfahren Sie auch, wo Sie Robben melden können. Das Nationalparkamt ist sehr interessiert daran, Robben zu erfassen und so das Vorkommen der Tiere und die Bestandsentwicklung zu dokumentieren.