Wandern im Darßwald


Am Langseer Weg im Darßwald.
Am Langseer Weg im Darßwald.

Nicht weit hinter Ahrenshoop beginnt nicht nur der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, sondern auch der Darßwald. Prächtige Buchenwälder und andere Waldtypen säumen die Straße und das fast bis nach Prerow. Der Darßwald ist phänomenal. Riesig. Vielfältig. Geheimnisvoll. Einmalig. Schon er allein ist eine Reise auf den Darß wert. Ich finde ihn derart faszinierend, dass ich diesem phantastischen Stück Natur eine eigene Rubrik gewidmet habe und bei keinem meiner Darßbesuche versäume ich es, in den Darßwald zu marschieren. Nach ein paar hundert Metern ist man im Darßwald mit sich und der Natur allein. Okay - zumindest in bestimmten Zeiten und auf bestimmten Wegen. Aber: Ob allein oder nicht - es gibt unglaublich viel zu entdecken. Ich behaupte mal, dass niemand dazu imstande ist, alles aufzuzählen, was im Darßwald kreucht und fleucht, wächst und gedeiht. Das ist einfach unmöglich.

Totholz im Darßwald.
Totholz im Darßwald.

Der Darßwald erstreckt sich über ungefähr 5000 Hektar und ist das größte Waldgebiet auf der Halbinsel Fischland, Darß, Zingst. Seit 1990 ist er Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft und deshalb geht im Darßwald alles seinen natürlichen Gang. Kein Baum wird gefällt oder gepflanzt. Ab und zu müssen die Wege von umgestürzten Bäumen oder heruntergefallenen Ästen befreit werden und das war es dann auch schon mit den menschlichen Eingriffen (sieht man mal vom "Wirken" der Touristen ab). Ansonsten bleibt alles da, wo es eben ist. Egal, ob es lebt oder nicht. Der endlose Kreislauf von Werden und Vergehen, von Leben und Tod wird uns in diesem großartigen Stück Natur eindringlich vor Augen geführt. Abgestorbene uralte Buchen werden von Millionen Kleinstlebewesen und Pilzen zersetzt und bilden die Grundlage für neues Leben. Umgeben von jungen, zum Licht strebenden Bäumen bietet das Totholz Lebensraum und Nahrung für unzählige Lebewesen. Der Darßwald lehrt uns, was Wald ist, wie Wald aussieht, riecht und klingt. Zumindest in Teilen ist der Darßwald einem natürlichen Wald nämlich wieder nah. Aber eben nur teilweise und eben nur nah. Denn die Spuren der jahrhundertelangen menschlichen Nutzung als Holz- und Harzlieferant, Nutztierweide und Jagdgebiet lassen sich nunmal nicht in ein paar Jahrzehnten vollständig verwischen. Es sind nicht nur die heute noch sichtbaren Fichten- und Waldkiefer-Monokulturen, die von der menschlichen Nutzung erzählen: Die knorrigen, alten Maler-Buchen zum Beispiel sind das Ergebnis der Beweidung durch Nutztiere. In die Jahre gekommene Waldkiefern in den Dünenkiefernwäldern tragen das typische fischgrätenartige Muster der früheren Harzung in DDR-Zeiten. Darüber hinaus diente der Darßwald über die Zeiten hinweg als Jagdgebiet für auserlesene, hohe Herrschaften bis hin zu den DDR-Bonzen. Das führte und führt zu einem permanent zu hohen Wildbestand und immensen Waldschäden, denn Rot- und Rehwild fressen mit Vorliebe junge Bäume. Noch heute darf in einigen Teilen des Nationalparks regelmäßig gejagt werden und am zu großen Wildbestand hat sich leider nicht viel geändert. Ja, es müssen noch unzählige Jahrzehnte vergehen, bis der "Darßer Urwald" diesen Namen zu Recht wieder tragen kann, also ein von der Natur gestalteter, ursprünglicher Wald geworden ist.

Am alten Meeresufer. Links von den Buchen liegt der Altdarß, rechts davon der Neudarß.
Am alten Meeresufer. Links von den Buchen liegt der Altdarß, rechts davon der Neudarß.

Das Besondere im Darßwald ist übrigens nicht unbedingt seine Größe. Es sind die unterschiedlichen Lebensräume, die eine außerordentlich artenreiche Flora und Fauna hervorbringen: Erlenbrüche wechseln sich ab mit Buchen- und Fichtenwäldern sowie Dünenkiefernwäldern. Es gibt Moore und Seen, Schilf- und Wiesenflächen. Und nahezu in der Mitte des Waldgebiets befindet sich ein Meeresufer, wirklich wahr. Und weil das so ist, komme ich um ein bisschen Geologie nicht drumrum. Los gehts: Der Darßwald befindet sich, nun ja, auf dem Darß. Er liegt zwischen der Landstraße L 21, dem West- und dem Nordstrand und wird im Wesentlichen in Altdarß und Neudarß unterteilt. Ein fossiles Steilufer (Kliff), gern das alte Meeresufer genannt, stellt die Grenze zwischen Neudarß und Altdarß dar. Vor ca. 2000 Jahren schäumten am Fuß dieses Kliffs noch die Wellen der Ostsee und das bedeutet, dass die gesamte Fläche des Neudarßes zwischen dem alten Meeresufer, Prerow und dem Darßer Ort an der äußersten Westküste in gerade mal 2000 Jahren entstanden ist, was erdgeschichtlich nichtmal mit dem sprichwörtlichen Wimpernschlag gleichgesetzt werden kann. Ursächlich dafür waren enorme küstendynamische Prozesse, die durch Sandablagerungen den Neudarß schufen. Wind und Wasser haben dieses Gebiet in Rekordgeschwindigkeit "erbaut" und es mit Reffen und Riegen ausgestattet. Reffe und Riegen? Ja. Genau. Reffe sind Strandwälle, auf denen Strandsand abgelagert wurde, also Dünen. Im Darßwald sind Reffe nicht nur an ihrem typischen Bewuchs zu erkennen, sondern ebenso daran, dass sie sich über die restliche Landschaft erheben. Reffe sind überwiegend trockene Lebensräume, auf denen sich hauptsächlich Dünenkiefernwälder angesiedelt haben. Vorherrschende Baumart ist die Waldkiefer. Andere Typische Pflanzen sind Rentierflechten, Gemeiner Wacholder, Schwarze Krähenbeere, Heidelbeere und Preiselbeere. In kleinen Tälern inmitten der Dünen, die feuchter und etwas kühler sind, existieren Moore und an manchen Stellen haben sich Laubbäume angesiedelt. Beispielhaft für die Vegetation auf den Reffen seien die Prerower Alpen genannt oder der Dünenkiefernwald zwischen der Hohen Düne und der Seebrücke in Prerow (siehe Link am Ende des Textes "Die Prerower Alpen").

Erlenbruch auf dem Neudarß.
Erlenbruch auf dem Neudarß.

Zwischen den Reffen liegen Senken, die Riegen. Im Unterschied zu den Reffen ist es in den Riegen stets mehr oder weniger feucht bzw. nass. Dort gedeihen Rotbuchenwälder genauso wie Erlenbrüche oder größere Moore. In der Nähe des Weststrandes enthalten die Riegen außerdem einige Strandseen, zum Beispiel den Theerbrennersee und den Heidensee, die einst zumindest zeitweise eine Verbindung zur Ostsee hatten. Heute sind sie vom Meer getrennt und verlanden zusehens. Typische Pflanzen der Riegen sind Schwarz-Erle, Steife Segge, Gelbe Schwertlilie und der Sumpflappenfarn. Da keine Riege einer anderen in Bezug auf Breite und Tiefe gleicht und die Reffen unterschiedlich hoch sind, jedes Moor und jeder See anders ist, sind die Naturräume des Neudarßes unbeschreiblich vielfältig und strotzen nur so vor Leben. Die über 120 Reffe und Riegen auf dem Neudarß wechseln einander ab und erstrecken sich wie ein riesiger Fächer von Ost nach West. Am eindrucksvollsten wirkt diese, von der Natur geschaffene Landschaftsstruktur aus der Luft, denn von oben sieht man wie die Vegetation die Reffen und Riegen quasi nachzeichnet. Im Wechsel von dunklem und hellem Grün zeigen sich beide Landschaftsformen in aller Deutlichkeit. Wer sich anhand eines Luftbildes davon überzeugen möchte, wird im Internet zum Beispiel auf den Seiten des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft fündig (Link am Ende der Seite unter "Interessante Links"). Noch besser lässt sich diese einmalige Landschaft vom Leuchtturm am Darßer Ort bestaunen, denn von dort hat man eine grandiose Aussicht auf das gesamte Gebiet. Ganz nebenbei kann von dort oben übrigens auch erkennen, dass die Bauarbeiten der Natur an der Außenküste nach wie vor andauern und der Neudarß beständig wächst.

Monokultur aus Waldkiefern mit Massenbestand des Adlerfarns auf dem Altdarß.
Monokultur aus Waldkiefern mit Massenbestand des Adlerfarns auf dem Altdarß.

Und nun gehts auf den Altdarß. Wie oben bereits geschrieben stellt das alte Meeresufer die Grenze zwischen Neu- und Altdarß dar. Wenn Sie also auf dem Wanderweg am Meeresufer, dem "Alten Mecklenburger Weg" stehen, befinden Sie sich auf dem Altdarß und blicken zum Beispiel auf die Freifläche der Buchhorster Maase, die auf dem Neudarß liegt. Zusammen mit dem Hohen Ufer zwischen Ahrenshoop und Wustrow repräsentieren Teile des Altdaraßes den ältesten Teil der Halbinsel Fischland, Darß, Zingst. Bohrungen haben ein Alter von 13.000 bzw. 17.000 Jahren ergeben. Auffällige und häufige Pflanzen des Altdarßes sind die Waldkiefer und der Adlerfarn. Die Waldkiefern sind überwiegend menschlichen Ursprungs. Sie wurden auf quadratischen Parzellen nach Alter sortiert zur Holzgewinnung gepflanzt, nachdem man den ursprünglichen Wald komplett abgeholzt hatte. Nach zwei heftigen Orkanen 1967/68 wurden zudem ungefähr 500 ha Wald mit Gewöhnlicher Fichte und Sitkafichte aufgeforstet. Auch die riesigen Adlerfarnbestände sind eine Folge der langen Waldübernutzung. Adlerfarn wird vom Wild verschmäht und verhindert aufgrund seiner Dominanz eine natürliche Verjüngung und Veränderung des Waldes hin zu mehr Baumarten. Wie der Altdarßer Wald wurden auch die in den Randbereichen liegenden großen Moore durch menschliche Eingriffe arg in Mitleidenschaft gezogen. Entwässerung und Torfabbau haben die einzigartige Moorvegetation nahezu zerstört. Das Prerower Toorfmoor oder das Bliesenrader Moor seien beispielhaft genannt. Trotz allem ist der Darßwald ein einzigartiges Stück Natur, in dem der Besucher Tiere, Pflanzen und Pilze in ungeheurer Zahl erleben kann. Gesagt sei, dass meine Erklärungen zur geologischen Entwicklung dieses Gebiet wirklich sehr kurz gehalten sind. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte unbedingt an einer Führung teilnehmen, die die Nationalpark-Ranger durchführen (siehe Link zu "Hilfreiche Links" am Ende der Seite).

Üppiges Grün im sommerlichen Darßwald.
Üppiges Grün im sommerlichen Darßwald.

Schon allein die Tatsache, dass man mitten im Darßwald keinen einzigen von Menschen gemachten Ton hört und unsere Ohren ausschließlich natürlich verursachte Geräusche wahrnehmen, ist einfach großartig und eine wahre Wohltat. Wo hat man das heutzutage schon?! Wer im Darßwald alle Sinne weit öffnet, kann wahrhaft magische Momente erleben, die niemals wieder in Vergessenheit geraten. Wenn ich im Licht einer tiefstehenden Frühherbstsonne durch den Darßwald streife, nur begleitet vom Rauschen des Windes und dem Schrei der Seeadler oder dem Röhren der Rothirsche, regt sich eine tiefe Demut in mir. Demut vor dem überwältigenden, lebendigen Werk der Natur. Ich verbeuge mich vor all der Vielfalt und Schönheit und empfinde einfach nur Dankbarkeit. Dafür, dass ich diesen Wald erleben darf. Wenn ich von Prerow aus über den Langseer Weg bis zum Weststrand marschiere, kann ich nahezu alle Vegetationsaspekte des Darßwaldes bestaunen. Vom Dünenkiefernwald über die Erlenbrüche bis hin zum Rotbuchenwald mit knorrigen Baumpersönlichkeiten, die von vergangenen Zeiten erzählen. Und es ist wirklich ein besonderes Erlebnis, im Wald von Weitem das Tosen der Ostsee zu hören und am Ende des Weges auf den Weststrand hinauszutreten. Das alles mag sich irgendwie kitschig und ziemlich abgedroschen anhören, das mag sein. Aber jeder, der sich länger im Darßwald aufhält, wird merken, dass man still und ruhig wird, dass sich im Inneren etwas Schönes, Angenehmes tut. Etwas, dass einem gut tut. Egal, auf welchem der vielen Wanderwege Sie im Darßwald unterwegs sind: Es gibt immer etwas zu sehen. Überall etwas zu erleben. Schauen und hören Sie hin. Nehmen Sie die Geräusche und den Duft des Waldes in sich auf. Mit etwas Geduld und Glück werden Ihnen außerdem die Tiere des Waldes über den Weg flattern, schlängeln, hüpfen oder laufen: Fledermäuse, Schmetterlinge, Schlangen, Frösche, Rot- und Rehwild - die Liste ist endlos. In den folgenden Rubriken stelle ich einige Wanderungen durch den Darßwald vor. Falls Sie sich fragen, was das g-Gestell oder ein Erlenbruch ist oder woher die Maler-Buchen ihren Namen haben, werden Sie dort fündig. Nebenbei erfahren Sie außerdem genauer, was an diesen Orten so lebt: Tiere, Pflanzen und Pilze. Außerdem gebe ich ein paar Tipps, die vielleicht hilfreich sind, wenn Sie sich auf Erkundungstour durch dieses einmalige Gebiet begeben.

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Auf dem g-Gestell

Das g-Gestell

In den Prerower Alpen

Die Prerower Alpen

Bei den Maler-Buchen

Die Maler-Buchen

Am alten Meeresufer

Erlebnis Erlenbruch

Die Erlenbrüche

Pilze im Darßwald

Pilze auf dem Darß