Wandern im Darßwald: Auf dem g-Gestell


Das sommerliche g-Gestell im Darßwald.
Das sommerliche g-Gestell im Darßwald.

Nee. Nee. Beim g-Gestell auf dem Darß handelt es sich weder um eine alte Ruine noch um ein Baudenkmal oder sonst irgendein technisches Bauwerk bzw. Gerät. Es geht um einen Wanderweg durch den Darßwald, der Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft ist. Beginnend an der Regenbogenstraße in der Nähe des Nordstrandes führt dieser wunderbare Weg bis nach Born am Ufer der Boddengewässer (Wanderwegmarkierung gelb mit Fisch und grün mit Blatt).

Mittelspecht (Leiopicus medius) mit Futter für die Jungvögel am g-Gestell.
Mittelspecht (Leiopicus medius) mit Futter für die Jungvögel am g-Gestell.

Zugegeben: "g-Gestell" ist eine eigenartige Bezeichnung für einen Wanderweg und damit verhält es sich so: Die seltsam klingenden Namen der Waldwege im Darßwald gehen auf ein preußisches System der Forstwegbenennung zurück, wonach der Wald in Rechtecke (300 mal 700 Meter) eingeteilt wird und die Wege Buchstaben bekommen. Die Schmalseiten tragen Kleinbuchstaben, die Breitseiten Großbuchstaben - auf dem Darß aufsteigend in Richtung Weststrand (da gibt es dann das k-Gestell), das zur Erläuterung. Wie dem auch sei: Auf jeden Fall lässt sich der Darßwald vom g-Gestell aus ziemlich bequem erleben und erkunden. Von Sonnenlicht durchflutete Waldkiefernwälder, die auf alten Dünen gedeihen und in denen Rentierflechten in verschiedenen Unterarten als Überbleibsel der letzten Eiszeit den Boden überziehen, wechseln sich ab mit Erlenbrüchen und Rotbuchen-Arealen, wo unter anderem Schwarz- und Mittelspechte ihren Lebensraum haben. Wegen der Dünen ist der Dünenkiefernwald übrigens eine recht hügelige Angelegenheit, die von den Einheimischen liebevoll "Prerower Alpen" genannt wird. Zum bekanntesten Rotbuchen-Standort dürften die Maler-Buchen gehören. Unmittelbar am Weg gelegen dienten die knorrigen Baumrecken diversen Künstlern als Vorlage für ihre Gemälde (siehe Links zu "Die Prerower Alpen" und "Die Maler-Buchen" am Ende des Textes). An heißen Sommertagen ist der Darßwald eine ausgesprochene Wohltat, denn unter dem Blätterdach ist es stets angenehm frisch und kühl. Allerdings fallen in den Sommermonaten Milliarden Mücken über einen her - darauf sollte man vorbereitet sein, das sei gesagt. Überhaupt - der Sommer im Darßwald. DAS Erlebnis schlechthin für alle, die von der Schönheit und Kreativität der Natur nicht genug bekommen können. Meine Lieblingsstrecke führt von Prerow aus der Buchenstraße kommend am Bernstein-Hotel (links) vorbei. Unmittelbar dahinter betritt man den Darßwald. An der ersten Kreuzung links rum auf das g-Gestell, vorbei an den Maler-Buchen, den Erlenbrüchen und allen anderen wunderbaren Biotopen bis zum Langseer Weg. Dort biege ich links ab und kehre wieder zurück nach Prerow. Verlaufen ist unmöglich, denn an jeder Wegkreuzung befindet sich eine Ausschilderung.

Im Frühsommer zieren blühende Wasserfedern (Hottonia palustris) die Erlenbrüche am g-Gestell.
Im Frühsommer zieren blühende Wasserfedern (Hottonia palustris) die Erlenbrüche am g-Gestell.

Okay. Wer diese Strecke kennt, weiß, dass das von der Kilometerzahl her eine eher kurze Strecke ist. Das stimmt. Aber wer sein Hauptaugenmerk auf die Beobachtung von Tieren und Pflanzen legt, kommt weder schnell voran noch schafft er viele Kilometer. Es gibt nämlich einfach zu viel zu sehen und zu bestaunen. Ab Juni explodiert in den Erlenbrüchen und Wasserläufen, die sich rechts und links des g-Gestells befinden, das Leben: Wasserfeder und Gelbe Schwertlilie blühen mit dem Wald-Geißblatt um die Wette. Vereinzelt wächst die Breitblättrige Stendelwurz am Wegesrand, eine der wenigen einheimischen Orchideen im Gebiet. Je nach Jahreszeit können neben vielen anderen Pflanzen Sumpflappenfarn , Wald-Veilchen, Weißes Buschwindröschen, Großes Hexenkraut, Gewöhnlicher Gilbweiderich, Blutweiderich, Steife Segge, Echtes Springkraut, Wasserminze und Wechselblättriges Milzkraut entdeckt werden. Liegendes Totholz und Baumstümpfe sind von Flechten und Moosen überzogen und zaubern geheimnisvolle Spiegelbilder auf die Wasseroberfläche. Für unzählige Pilze, Käfer, Insekten und Vögel ist Totholz Lebensraum und unabdingbar. Manche der überwucherten Baumstümpfe sehen aus wie Skulpturen, von der Natur geschaffene Kunstwerke. Dazu die markanten Baumgestalten und das Vogelgezwitscher ... selbst Blüten und Blätter werden zu Minilebensräumen, in denen sich Insekten tummeln. Schon allein beim Betrachten einer Schwertlilienblüte offenbart sich ein Universum voller Lebewesen. Im trüben Wasser suchen Teichmolche unter den immergrünen Blättern der Wasserfeder Schutz vor Feinden und mit etwas Glück lassen sich an warmen Tagen Ringelnattern beim Sonnenbaden auf bemoosten Baumstämmen oder im kurzen Gras am Wegesrand beobachten. Passen Sie also auf, wo Sie hintreten. Nicht, weil Ringelnattern gefährliche Schlangen sind, sondern um sie nicht zu verletzen oder gar zu töten. Radfahrer sollten wegen der Schlangen immer ein Auge auf den Weg vor sich haben, damit die Tiere nicht überfahren werden.

Kleiner Eisvogel (Limenitis camilla) an einer Brombeerblüte.
Kleiner Eisvogel (Limenitis camilla) an einer Brombeerblüte.

Wer sich für Schmetterlinge interessiert, sollte überall dort, wo es blüht, sehr aufmerksam sein, denn so manche Seltenheit flattert einem am g-Gestell über den Weg: Kaisermantel (Normalform und graublaue Unterart), Kleiner Eisvogel, Spiegelfleck-Dickkopffalter, Admiral und und und. Als Nektarpflanze bei allen Insekten besonders beliebt sind blühende Brombeerbüsche sowie das Wald-Geißblatt. Jene Darßwaldbesucher, die auf eine Begegnung mit Rotfuchs, Rotwild, Dachs oder Baummarder hoffen, sollten möglichst früh oder spät unterwegs sein - dann, wenn die Schar der Wanderer und Radfahrer noch nicht oder nicht mehr den Wald unsicher macht. Tja, erlebt man das undurchdringliche, verschlungene Grün im Sommer, weiß man, dass die Bezeichnung "Darßer Urwald" nicht von ungefähr kommt. In jedem Grashalm, in jeder Libelle, in jedem Schneckenhaus zeigt sich die unbändige Kraft des Lebens. Großartig. Überwältigend. Eine Sinfonie aus Farben, Formen, Geräuschen und Gerüchen. Ein Fest für alle Sinne, das Jucken der Mückenstiche inbegriffen. Und während Frühling und Sommer die Zeit der Blüten und Insekten ist, ist der Herbst die Zeit des Nebels und der Pilze, Früchte und Moose. Nicht zu vergessen: Die Hirschbrunft - aber die findet entweder auf der Buchhorster Maase, mitten im Wald oder vor der grandiosen Kulisse der Ostsee in den Dünen am Rundwanderweg statt . Zu hören sind die Rothirsche in der Brunftzeit jedoch immer, auch auf dem g-Gestell. Wenn man beim Wandern durch den Darßwald vom Röhren der Hirsche begleitet wird - das ist wahrhaftig ein ganz besonderes Erlebnis. Diese Stimmung ist einmalig. Erst recht an einem etwas düsteren, nebligen Tag. Dann kann man nachvollziehen, wie es in früheren Zeiten zu all den Mythen und Sagen über unsichtbare Wesen im Wald gekommen ist.

Glimmertintlinge (Coprinellus micaceus) an einem bemoosten Rotbuchenstamm.
Glimmertintlinge (Coprinellus micaceus) an einem bemoosten Rotbuchenstamm.

Wenn die Blätter fallen und das üppige Grün sich lichtet, eröffnen sich weite Ausblicke in den Wald hinein. Was im Sommer verborgen war, liegt nun offen vor uns. Alte Rotbuchen entpuppen sich ihres Laubes beraubt als eindrucksvolle Baumpersönlichkeiten, gezeichnet von Wind und Wetter und umgeben von pilzstrotzendem Totholz und bemoosten Baumstümpfen. Auf den Herbst folgt der Winter. Und die Stille. Die dann und wann vom leisen Fiepen der hier überwinternden Wintergoldhähnchen, dem Zwitschern der Erlen- und Birkenzeisige aus dem hohen Norden oder dem Schrei ziehender Graugänse durchbrochen wird. An frostigen Tagen lässt Eis alles erstarren. Gräser, Blätter, Wasser. Leider hatte ich noch nicht das Glück, auf einem verschneiten g-Gestell herumlungern zu können. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden. Übrigens: Die hier gezeigten Fotos sind alle vom Weg aus gemacht. Ganz so, wie es sich in einem Nationalpark gehört. Erwähnt werden muss, dass das g-Gestell  für Radfahrer zugelassen ist, die bis nach Born und dann über Wieck zurück nach Prerow fahren können - eine lange, abwechslungsreiche Tour mit Einkehrmöglichkeiten in allen Ortschaften. Gesagt sei außerdem, dass das g-Gestell für Radfahrer einige Überraschungen parat hält. Alte Betonplatten wechseln sich mit sandigen Streckenabschnitten ab. Und wenn es sehr viel geregnet hat, wartet ab und zu eine Menge Matsch oder Wasser auf Sie und Ihre Räder.

Moosskulptur in einem Erlenbruch am g-Gestell.
Moosskulptur in einem Erlenbruch am g-Gestell.

Zu Fuß ist die Gesamtstrecke Prerow - Born - Wieck - Prerow nur sehr geübten Wanderern zu empfehlen, denn sie zieht sich ziemlich hin. Und wenn man unterwegs Flora und Fauna bestaunt, fotografiert und beobachtet ... schafft man das definitiv nicht. Jedenfalls nicht am gleichen Tag. Eine Alternative besteht darin, bis nach Born zu wandern und dann mit dem Bus nach Prerow zurückzufahren. Empfehlenswert sind außerdem die Querwege Richtung Weststrand, von denen allerdings nicht alle mit dem Fahrrad befahren werden dürfen. Achten Sie also auf die Beschilderung. Der Hinweis "Dieser Weg ist für Radfahrer nicht geeignet" entspricht den Tatsachen und sollte durchaus ernst genommen werden. Ich habe auf den derart gekennzeichneten Wegen schon so manchen Radfahrer fluchend sein Gefährt schieben sehen, weil der Weg aufgrund von Unebenheiten, herabgefallenem oder umgestürztem Holz, Wasserlachen, Morast usw. nicht radelnd passierbar war. Nutzen Sie also jene Wege zum Radwandern, auf denen dies erstens gestattet und zweitens möglich ist. Und machen Sie sich darauf gefasst, dass es auf diesen Strecken auch jene Menschen gibt, die sich zu Fuß fortbewegen. Manche haben sogar einen Kinderwagen und/oder einen Hund dabei. Ja, wirklich wahr. Auf dem Wegen durch den Darßwald ist man selten allein, aber wenn alle aufeinander Rücksicht nehmen, ist das kein Problem. Egal, ob man kurz oder lang dort weilt, zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist. Sollte es Sie auf das g-Gestell verschlagen, wünsche ich Ihnen eine schöne, interessante Zeit und hoffe, dass meine nachfolgenden Tipps und Fotos eine gelungene Einstimmung sind.

Meine Tipps


  • Empfohlene Wanderkarte: Rad- und Wanderkarte "Fischland, Darss, Zingst" vom Verlag "grünes herz", Maßstab 1 : 30.000.
  • Wanderwegmarkierung gelb mit Fisch und grün mit Blatt.
  • Aus Prerow kommend erreichen Sie das g-Gestell über die Regenbogenstraße, Wald-/Dammstraße, die Buchenstraße, die Grüne Straße oder den Langseer Weg. Meine Lieblingsstrecke habe ich am Ende des zweiten Absatzes im Text beschrieben.
  • Auf der von mir im Text beschriebenen, kurzen Strecke ist das g-Gestell grundsätzlich für Kinderwagen und Rollstuhlfahrer geeignet. Wenn es sehr viel geregnet hat, eher nicht. Wegen der sandigen und möglicher Weise matschigen Stellen sollten Rollstuhlfahrer helfende Hände dabei haben.
  • Wenn Sie sich länger am g-Gestell aufhalten oder eine längere Wanderung machen möchten, sollten Sie Proviant und Getränke einpacken.
  • Denken Sie in den Sommermonaten unbedingt an Mückenschutz und ein Insektennetz für den Kinderwagen.
  • An der Kreuzung Stemsenweg/g-Gestell können Sie einen Abstecher in die Grüne Straße machen. Dort befindet sich unmittelbar am Waldrand das Café Ulenhoef, in dem Sie sich mit leckeren Kleinigkeiten, Kuchen oder Torten und Getränken stärken können. Aber: Das Café ist in der Regel sehr gut besucht, das sei gesagt. Und es empfiehlt sich, sich vorher über die Öffnungszeiten zu informieren (siehe "Hilfreiche Links" am Ende der Seite).
  • Weitere, vielleicht nützliche Informationen finden Sie in der Rubrik "Hilfreiche Links" - siehe unten stehenden Link.
  • Sollten Sie feststellen, dass meine Informationen nicht oder nicht mehr der Realität entsprechen, lassen Sie es mich bitte wissen. Sie können einen Eintrag im Gästebuch hinterlassen oder mir eine E-Mail schreiben: Kontakt und Gästebuch.

Tiere, die am g-Gestell beobachtet werden können.


Pflanzen, die am g-Gestell bestaunt werden können.


Impressionen vom Darßwald am g-Gestell