Wandern im Darßwald: Zu den Maler-Buchen bei Prerow


Einige Maler-Buchen am g-Gestell im Februar 2019.
Einige Maler-Buchen am g-Gestell im Februar 2019.

Die Maler-Buchen gedeihen am g-Gestell im Darßwald zwischen Mittelweg und Stemsenweg (die Wege sind auf einer Wanderkarte leicht zu finden). Wenn Sie die Buchenstraße in Richtung Darßwald bis zum Ende entlang laufen, sehen Sie links das Hotel Bernstein Prerow und betreten kurz darauf den Darßwald. Laufen Sie den Weg weiter geradeaus bis zur Wegkreuzung. Hier biegen Sie links auf das g-Gestell ab (Wanderwegmarkierung gelb mit Fisch und grün mit Blatt). Wenig später passieren Sie einen Wasserlauf. Unmittelbar daneben beginnt eine Fläche mit einigen stattlichen Rotbuchen. Manche sind aufgrund ihres Alters abgebrochen, umgestürzt oder wurden von Stürmen entwurzelt. Überall liegt Totholz. Vor Ihnen liegt jener Ort, der "Maler-Buchen" genannt wird.

Totholz ist im Darßwald eine Selbstverständlichkeit.
Totholz ist im Darßwald eine Selbstverständlichkeit.

Als um 1870/1880 Künstler wie Louis Douzette, Paul Flickel oder Paul Müller-Kaempff dieses Waldstück für sich entdeckten, standen die heute größtenteils nur noch als vermodernde Reste zu erkennenden alten Bäume noch in vollem Lebenssaft. Mit anderen Worten: Als die Künstler im Darßwald ihre Kreativität auslebten und die Schönheit der Bäume für alle Ewigkeit festhielten, sah der Ort ganz anders aus als heute. Unweit von Prerow gelegen und schnell erreichbar boten sich insbesondere bei Vollmond unvergleichliche, einzigartige Motive. Eines der Bilder, nämlich "Buchenwald bei Prerow" von Paul Flickel aus dem Jahr 1886 hat es sogar in die Berliner Nationalgalerie geschafft und kann dort bewundert werden. Das Wirken der Künstler an diesem Ort hat ihm den Namen "Maler-Buchen" eingebracht. Wer mehr über die Künstler, ihre Werke und ihr Schaffen in und um Prerow wissen möchte, dem sei ein Besuch im Prerower Darß-Museum empfohlen. Denn Kunst ist nicht so wirklich mein Steckenpferd, so dass diese kurzen Angaben zur Erklärung des Namens reichen müssen. Auf jeden Fall ist dieses Areal auch ohne den Blick des Malers sehens- und erlebenswert. Anders als die Rotbuchen in den sogenannten Heiligen Hallen bei Feldberg oder im Buchenwald auf dem Rügener Jasmund handelt es sich bei den älteren Maler-Buchen nicht um säulenartig, gerade gewachsene Bäume, sondern um knorrige verbogene Baumpersönlichkeiten. Das kommt daher, dass die Darßer Einwohnerschaft in früheren Jahrhunderten ihre Tiere in den Wald trieb und sie dort fressen ließ. Die Weidetiere hatten es bevorzugt auf die Triebspitzen des Baumnachwuches abgesehen und um den Verlust der Triebspitze auszugleichen, waren die jungen Bäume gezwungen, mehrere Triebe auszubilden und sich zu verzweigen. Heute werden keine Nutztiere mehr in den Wald getrieben und neben den bizarren Baumrecken strebt Rotbuchen-Nachwuchs säulengleich in den Himmel. Manche künden mit ihrer geraden Gestalt bereits davon, dass der künftige Buchenwald auf dem Darß viel Ähnlichkeit mit den Feldberger Heiligen Hallen haben wird.

Eine Stechpalme (Ilex aquifolium) wächst neben einer toten Rotbuche (Fagus sylvatica) auf.
Eine Stechpalme (Ilex aquifolium) wächst neben einer toten Rotbuche (Fagus sylvatica) auf.

Das Sterben der Älteren schafft für die jungen Bäume nicht nur Nahrung, sondern auch Licht. Und außerdem passende Bedingungen für einen Strauch, der in früheren Zeiten in nördlichen Wäldern weit verbreitet war und sich inzwischen bei den Maler-Buchen wieder eingefunden hat: der Ilex. Genauer gesagt die Europäische Stechpalme. Ein immergrünes Gewächs, das vielen Menschen durch seine Zweige mit knallroten Beeren vertraut ist, die in der Weihnachtszeit gern zu Dekorationszwecken verwendet finden. Ilex-Beeren sind übrigens nicht nur bei den Menschen beliebt. Für diverse Vogelarten sind sie wichtige Winternahrung und deshalb sollten die Zweige mit den Beeren da bleiben, wo sie sind. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass Sie sich in einem Nationalpark befinden, der einzig und allein für den Schutz und Erhalt der Natur eingerichtet wurde. Aber das nur nebenbei. Vor allem im Herbst und Winter, wenn die Bäume kein Laub tragen und die Stille das lauteste Geräusch im Darßwald ist, präsentieren sich die alten Bäume in all ihrer stolzen Schönheit. Wenn alles kahl ist und Nebel durch die Landschaft wabert, führen uns die jungen und alten, die lebenden und toten Maler-Buchen eindrucksvoll den unendlichen Kreislauf von Werden und Vergehen, von Leben und Sterben vor Augen. Ist der Herbst feucht und mild, verzieren Pilze das Totholz und den Waldboden. Gemeiner Glimmertintling, Spechttintling und Saitenstieliger Knoblauchschwindling sind  auffällige Vertreter der Huttragenden. Wobei man für die Entdeckung des Spechttintlings schon jede Menge Glück braucht - er gehört zu den Seltenheiten in der Pilzwelt des Darßwaldes und ist am ehesten in milden Novembern zu finden. Die kalte Jahreszeit ist außerdem die Zeit der Moose und Flechten, die in unzähligen Arten gedeihen und mit denen ich mich nicht gut auskenne.

Schwarzspecht-Männchen (Dryocopus martius) auf Nahrungssuche.
Schwarzspecht-Männchen (Dryocopus martius) auf Nahrungssuche.

Im Frühling wiederum fällt ein außergewöhnlicher Vogel an den Rotbuchen auf, der Schwarzspecht. Auch wenn man den wunderschönen Vogel nicht zu Gesicht bekommt, dass er da ist verraten seine lauten, durchdringenden Rufe und sein charakteristisches Trommeln. Beides ist weithin hörbar. An seiner Größe von knapp 60 Zentimetern, seinem tiefschwarzen Gefieder und der roten Kopfplatte ist er leicht zu erkennen (beim Weibchen ist die rote Kopfplatte bedeutend kleiner als beim Männchen). Der Schwarzspecht ist unverwechselbar, denn sein Gefiederkleid ist einmalig in unserer Vogelwelt. Und auch wenn man gerade keinen Schwarzspecht hört oder sieht, künden ovale Löcher in den Rotbuchen-Stämmen von seiner Anwesenheit. Das sind Brut- oder Schlafhöhlen des Schwarzspechtes, die er mit seinem kräftigen Schnabel zimmert. Stämme mit vielen Spechthöhlenwerden von den stattlichen Vögeln über Jahrzehnte genutzt und tragen nicht von ungefähr den Namen "Spechtflöte" (siehe Bild in der Fotogalerie am Ende des Textes).  Während der Schwarzspecht in luftiger Höhe agiert, ist der Zaunkönig eher am Boden aktiv. Mit ein wenig Geduld kann man ihn am gewaltigen Wurzelteller der zuletzt vom Sturm umgeworfenen Rotbuche bei der Nahrungssuche beobachten. Mit einer Größe von bis zu 11 Zentimetern ist er im Vergleich zum Schwarzspecht ein Winzling. Zur Balzzeit im Frühjahr trumpft er dafür mit einem erstaunlich melodischen und lauten Gesang auf. Auch Rotkehlchen lassen sich hin und wieder blicken, die etwas größer als der zierliche Zaunkönig und an ihrer orangeroten Kopf- bw. Brustfärbung leicht zu erkennen sind. Überhaupt ist der Wald im Frühling von einem vielstimmigen Vogelkonzert erfüllt. Viele der gefiederten Sänger lassen sich allerdings nur mit viel Zeit und einem Fernglas ausmachen.

Zum Areal der Maler-Buchen gehört auch ein Tümpel.
Zum Areal der Maler-Buchen gehört auch ein Tümpel.

Hat man die Maler-Buchen im Winter besucht, erkennt man sie im Sommer kaum wieder. War das Frühjahr sehr feucht, entsteht auf einem kleinen Teil der Fläche in Richtung Wasserlauf ein Tümpel, an dem sich Gelbe Schwertlilie und Steife Segge ein Stelldichein geben. Beides sind typische Pflanzen der feuchten bzw. nassen Darßwald-Areale, der sogenannten Riegen. Im Sommer, wenn das Grün des Darßwaldes teilweise schier undurchdringlich geworden ist und in allen möglichen Schattierungen leuchtet, sonnen sich an diesem Kleingewässer gar nicht so selten Ringelnattern. Ab und zu trifft man auf eine Blindschleiche, die zwar wie eine Schlange aussieht, aber keine ist. Die Blindschleiche gehört zu den Echsen. Beide machen sich schnell davon, wenn sie gestört werden. An warmen Tagen ruhen Schmetterlinge wie der Kaisermantel oder das Waldbrettspiel auf besonnten Buchenblättern und auf dem Totholz tummeln sich allerlei Käfer. Egal, zu welcher Jahreszeit: Wenn man sich Zeit nimmt, gibt es bei den Maler-Buchen immer etwas zu entdecken und zu bestaunen. Ich lasse es mir bei keinem meiner Darßbesuche nehmen, bei den Maler-Buchen vorbeizuschauen, denn es ist einer meiner Lieblingsplätze. Umso mehr ärgert es mich, dass der Platz hinter der vom Sturm entwurzelten alten Buche zu einem Freiluftklo verkommen ist, wo es von den Hinterlassenschaften der Zweibeiner nur so wimmelt. Liebe Leute. Ja, außerhalb der Kernzonen ist das Wegegebot teilweise aufgehoben, aber nicht um den Wald zu vermüllen. Respektieren Sie die Natur. Sie sind lediglich Gast und so sollten Sie sich auch benehmen. Lassen Sie wenigstens Ihre Papiertaschentücher nicht überall liegen. Sooo. Das musste ich noch loswerden. Sollten Sie Lust darauf bekommen haben, die Maler-Buchen zu besuchen, wünsche ich Ihnen jede Menge schöner Augenblicke und viele tolle Erlebnisse. Als Einstimmung folgen meine Tipps und natürlich Fotos ...

Meine Tipps


  • Empfohlene Wanderkarte: Rad- und Wanderkarte "Fischland, Darss, Zingst" vom Verlag "grünes herz", Maßstab 1 : 30.000.
  • Wanderwegmarkierung gelb mit Fisch und grün mit Blatt - Wegbeschreibung siehe erster Absatz im Text.
  • Auf der von mir im Text beschriebenen, kurzen Strecke ist das g-Gestell grundsätzlich für Kinderwagen und Rollstuhlfahrer geeignet. Wenn es sehr viel geregnet hat und die Erlenbrüche über die Ufer treten, eher nicht. Wegen der sandigen und möglicher Weise matschigen Stellen sollten Rollstuhlfahrer helfende Hände dabei haben.
  • Denken Sie im Sommer unbedingt an Mückenschutz und ein Insektennetz für den Kinderwagen.
  • Wer mehr über die in und um Prerow wirkenden Künstler und ihre Werke wissen möchte, dem sei das Darß-Museum in der Prerower Waldstraße 48 empfohlen (siehe "Hilfreiche Links" am Ende der Seite).
  • Sollten Sie feststellen, dass meine Informationen nicht oder nicht mehr der Realität entsprechen, lassen Sie es mich bitte wissen. Sie können einen Eintrag im Gästebuch hinterlassen oder mir eine E-Mail schreiben: Kontakt und Gästebuch.

Maler-Buchen-Impressionen